Mein Leben nach dem Brustkrebs

Einfach einen Haken hinter dieses Kapitel machen? Geht das?

Eigentlich wollte ich schon längst einen riesengroßen Haken hinter das Brustkrebs Tagebuch gemacht haben. Aber leichter gesagt als getan. Man kann nicht einfach nach über einem Jahr intensiver Behandlung sagen, dass es das nun war mit dem Kapitel Brustkrebs und man einfach wieder in sein altes Leben zurückkehren kann. Das klingt immer so schön und einfach und ein stückweit habe auch ich mir eingebildet, dass das problemlos gehen würde. Schon zu Beginn der Diagnose habe ich das Ganze etwas auf die leichte Schulter genommen. Damals hatte ich mir sogar direkt durchgerechnet wie lange Chemo & Co. ungefähr dauern sollten und war noch so optimistisch, dass ich meinte, dass ich in einem halben Jahr wieder zurück im Job sein werde. Am Anfang ist das noch leicht gesagt, denn man ist noch in einer gewissen Art Trance und kann all die Informationen gar nicht so schnell aufnehmen. Klar man hört von Krebs und wie lebensbedrohlich Krebs doch ist, aber auf der anderen Seite hört man in den Medien all die positiven Stories und wie weit die Medizin doch ist und dass Krebs doch eigentlich mittlerweile ganz gut heilbar ist. Das „eigentlich“ in diesem Satz trifft es ganz gut, denn leider wird Krebs immer noch als Sammelbegriff zusammengefasst. Das es doch aber viele verschiedene Krebsarten und sogar unter dem jeweiligen Krebs noch viele verschiedene Unterarten von Krebs (wie z.B. beim Brustkrebs) gibt, ist vielen schlichtweg gar nicht bewusst. Manchmal ist das vielleicht sogar noch nicht mal mehr dem ein oder anderen Journalisten bewusst, der dann auf einmal Schlagzeilen wie „Krebs ist jetzt heilbar“ veröffentlicht oder er möchte einfach nur eine brandheiße Schlagzeile haben. Fazit ist, dass genau solche Headlines mir Bauchschmerzen bereiten und ich auch jetzt immer noch allergisch darauf reagiere, wenn selbst FreunAbde oder Bekannte zu mir sagen, dass Krebs doch mittlerweile gut kontrollier- und heilbar sei.

Zurück ins alte Leben? – Fehlanzeige!

Das komplette Umfeld wie Freunde, Familie, Kollegen usw. sind hier meist immer sehr optimistisch und sehen leider auch nur die junge Frau, die wieder schöne volle Haare hat, einen schönen Hautteint besitzt und eigentlich wieder ganz die Alte ist. Man wird komplett wieder zurück in die alte „Normalität“ geworfen. Aber so wirklich normal ist doch eigentlich gar nichts mehr, oder?

Fakt ist, dass ich in der Tat versuche mich von dem Thema etwas zu entfernen und probiere da nicht mehr all zu viel an mich heranzulassen. Ich habe im letzten Jahr wahnsinnig viele Frauen mit meiner Diagnose kennengelernt und ich freue mich auch jetzt immer noch über den gemeinsamen Austausch. Aber es gibt Tage, da tut mir dieser einfach nicht gut und es gibt Tage bis manchmal sogar Wochen an denen ich mir bestimmte Profile einfach nicht anschauen kann, weil mir diese zu diesem Zeitpunkt einfach nicht gut tun. Da aktiviert sich dann ganz schnell der eigene Selbstschutz. Das mag jetzt vielleicht egoistisch oder eben auch etwas eigen klingen, aber manchmal lebe auch ich lieber einfach nur in der kleinen perfekten Instagramwelt und freue mich über Posts voller Lebensfreude am Strand, über das nächste Avocadobrot oder den nächsten Fashion-Haul. Wenn es euch also gut tut, dann macht das doch auch. Und wenn es euch nicht gut tut, dann lasst es einfach! Fakt ist aber auch, dass auch mich die Realität immer wieder einholt. So bin ich vormittags mittlerweile wieder zurück im Job und zurück in meiner alten Realität, so bald ich den Stift aber fallen lasse und in den Feierabend gehe, geht es weiter. Es fängt an mit einem Termin bei der Physiotherapeutin um meine Nacken-, Knie- und sonstige Beschwerden zu beheben, dann folgt der Termin beim Orthopäden um den Knorpelschaden in meinem Knie zu beheben und dann geht es noch schnell zum Termin bei der Onkologin für die monatliche Zoladex-Spritze im Rahmen der Anti-Hormon-Therapie. Hinzu kommt noch der Termin bei der Frauenärztin zur regelmäßigen Nachkontrolle (alle 3 Monate), Termin bei der Mammadiagnostik zur Nachkontrolle (halbjährlich) und regelmäßige Termine bei der Psychoonkologin um das Erlebte nach wie vor zu Verarbeiten und zu lernen mit der doch bleibenden Angst umgehen zu können. Das Schlimmste am „Leben nach dem Krebs“ ist nämlich vor allem die bleibende Angst – diese unerschütterliche Angst vor einem Rezidiv oder einem Rückfall, die einen innerlich einfach immer wieder zerreißt und einen wohl ein Leben lang begleiten wird… Eine Angst mit der man aber versuchen muss zu leben!

Die kleinen Wehwehchen…

All diese Faktoren machen aus mir einen ganz anderen Mensch und sorgen dafür, dass nichts mehr so ist wie es vorher war. In meinem Kopf regiert nach wie vor noch das Chemo-Brain. Ich bin einfach schusselig geworden und kann mir die Dinge nicht mehr so gut wie früher merken, meine alte Konzentrationsfähigkeit muss ich mir hart erarbeiten und auch sonst bin ich viel schneller erschöpft als früher. Klar das soll alles wieder besser werden, aber ich bin da ungeduldig. Ich möchte wieder voll und ganz wie früher funktionieren. So war es auch ein großer Verlust für mich, nicht mehr regelmäßig um die Hamburger Alster joggen zu können. Stattdessen gehe ich nun walken oder spazieren und hoffe insgeheim, dass meine Knie in den nächsten Monaten vielleicht wieder so gut funktionieren, dass ich vielleicht doch bald wieder wenigstens eine halbe Runde um die Alster schaffe. Die 3 Etagen zu Fuß in unser Büro zu gehen bringen mich komplett außer Atem und gehen komplett auf die Knie (ein herrliches Knirschgeräusch kommt da nun immer zum Vorschein) und Treppensteigen generell funktioniert nun in der Seitenlage, wo ich die Knie nicht so stark belasten muss, am besten. Fitnesskurse habe ich aktuell erst einmal komplett für mich aus dem Terminkalender gestrichen, da es mich einfach nur noch frustet mit all den anderen Damen im Fitnessraum einfach Null mithalten zu können. Naja und an die regelmäßigen Hitzewallungen und Gefühlsschwankungen habe ich mich mittlerweile immerhin etwas gewöhnt. Aber da soll mal einer sagen, dass Caro doch wieder komplett die Alte sei… Nicht so wirklich!

Aber eine Krebsdiagnose kann auch positive Dinge mit sich bringen!

Aber ich will mich hier nicht nur Beklagen und Jammern. Das Krebs ein riesengroßes Arschloch ist (Entschuldigt die Ausdrucksweise, aber es ist ja nun mal leider so!), ist ja nun mal nichts Neues. Das solch eine Diagnose aber auch sehr viel positive Aspekte mit sich bringen kann, das vergessen leider viele bzw. viele machen sich das einfach nicht bewusst. Krebs ist nämlich auch eine Chance! Das Leben nach dem Krebs gibt dir die Chance, die Dinge noch einmal zu hinterfragen, die Dinge besser zu machen und noch einmal neu anzufangen. Und wie gern würde man nicht einfach einmal die Zeit zurückdrehen und noch einmal von vorne Anfangen? Nach so einer Diagnose und dem knallharten Entzug aus dem Alltag, sieht man die Welt mit ganz anderen Augen und entwickelt erst so richtig ein Gespür für die schönen Dinge im Leben. Man lebt sein leben bewusster, gönnt sich Pausen, tut auf einmal Dinge die man sich früher niemals getraut hätte, ärgert sich nicht mehr über irgendwelche Kleinigkeiten im Leben (bzw. zumindest nicht mehr so oft 😛 ), lernt auf einmal „Nein“ zu sagen, kennt seine Grenzen besser denn je und wirft alten Balast (und das können manchmal sogar auch alte Freundschaften sein, die einem nicht mehr gut tun) von sich und kann einfach noch einmal neustarten und genau das machen was man möchte. Und genau das ist doch ein Geschenk und das sollte man sich einfach bewusst machen! Nur ist es manchmal einfach schade, dies erst auf so hartem Weg erkennen zu müssen. Ich bin nun zum Beispiel viel viel offener geworden, nicht mehr so engstirnig und auch nicht mehr so sicherheitsliebend wie früher. Viel zu sehr eifern wir dem gesellschaftlichem Druck nach: mehr Geld, noch eine Beförderung, ein neues Auto, die perfekte Familie, ein eigenes Haus usw. Aber macht uns das wirklich langfristig glücklich? Ich möchte nun einfach nichts mehr verpassen, alles mitnehmen, die Welt sehen und einfach nur bewusst leben, genießen und nicht irgendwelchen utopischen Zielen hinterher eifern, die einfach unrealistisch sind und mich vielleicht auf Dauer auch einfach nicht glücklich machen! Vor allem aber bin ich dankbar – Dankbar, dass ich noch Leben darf und dankbar dieses Bewusstsein fürs Leben schon jetzt in so jungen Jahren wieder für mich gewonnen zu haben!

12 Kommentare zu „Mein Leben nach dem Brustkrebs

  1. Du sprichst mir aus der Seele. Total auf den Punkt gebracht. Aber ich kann dir sagen, die Angst lässt nach… je mehr Zeit vergeht, desto geringer wird die Angst 😊

  2. Hey liebe Caro, ich bin auch eine Caro(la)
    Ach dieses Gefühl wieder zu haben ohne große Wehwehchen durch das Leben zu schreiten…
    Das werden wir nie wieder so “genießen” können!
    Jedes kleinste Zipperlein könnte eine “nicht entdeckte Krebsstammzelle” sein, die sich über einen kurzen Zeitraum zur bedrohlichen Metastase wird!!! 😱😱😱
    Hab ich alles schon hinter mir..
    meine Diagnose kam am 18.1.2017 – genau einen Tag vor dem 16.Geb meiner Tochter..
    ich war bis April 2018 arbeitsunfähig geschrieben – auf Grund meinen starken Schmerzen an den Wirbelkörpern T11 und T12.. es wurde geröngt was das Zeugs hält. Das war im Dez 2017 – kurz vor Weihnachten. Die Bestrahlung hatte ich hinter mir, die AHB auch..Und plötzlich kamen diese stechenden Schmerzen… in meiner Wirbelsäule! Mein sofortiger Angstgedanke: KNOCHEN METASTASEN! War sage und schreibe 6h beim Röntgen Institut ….
    ich bekam Knochensinti, Schichtaufnahme, ein MRT und eine Röntgenaufnahme. Ich habe bei der letzten Untersuchung so GEZITTERT und geschlottert auf der Pritsche… hatte ANGSTZUSTÄNDE, dass der Röntgenarzt METASTASES sagt!
    Er gab eine Entwarnung. Ich bin alle 3 Wochen zur Klinik für meine Antikörper Spritze gefahren. 30Km zum Wahlkrankenhaus. Die Onkologische Abteilung/ZAT im Essen Klinikum Mitte – ein Traum von PflegerInnen. Die Onkologin meinte SOFORT/. Die Deckplattenbrüche, die festgestellt würden (T11 und T12) seien Knochenmetastasen!
    Caro, mein Herz sank bin in meine Knie!

    1. Und weiter gehts: Es musste ein 2.Röntgenarzt dran. Mein Freund entschied sich kurz vor Weihnachten zu verdünnisieren und flog zum Surfen und Kopf frei Ballern nach Teneriffa!
      Das traf mich damals sehr tief. Ich wurde einfach mit meiner starken Angst allein gelassen und das tat sehr weh!
      Am 23.1 bekam ich erst die Entwarnung von meinem Onlologen…

      Mittlerweile hatte ich im Herbst 2018 einen Bandscheibenvorfall im L4 L5… Lauter Knochen/bzw Wirbelsäulenprobleme…

      Ich war vor 2 Wochen bei meiner 1.Mammographie wieder nach der OP bzw Untersuchung nach der Bestrahlung… und hatte wieder einmal Angst davor. Ein guter Freund hat mich begleitet und wäre für mich dagewesen, hätte ich nicht so schöne Nachrichten bekommen.

      Ich muss Unbedingt (!!) mein Blut untersuchen lassen – ein großes Blutbild machen lassen.
      Es sind schon 5 Monate vergangen seitdem letzten Blutbild!

      Es ist genau 1 Jahr vergangen seit meiner letzten Antikörper Spritze.

      Ich bin 50% BU und bin im Moment selbstständig..

      Das Leben muss ja irgendwie weitergehen

      Mein Blustkrebs war übrigens HER2 +++ Staging 3

      1. Liebe Carola,

        ja diese Angst wird einem wohl ewig begleiten! Man darf nur nicht zulassen dass diese die Überhand gewinnt!

        Nur müssen wir nach der der Diagnose eben noch einmal viel mehr machen als früher. Ich hatte vor der Diagnose nie Probleme mit Knochen- oder Gelenkschmerzen und auch diese Rückenschmerzen sind vollkommen neu für mich. Aber mit der richtigen Physio und genügend Bewegung und Sport kann man immerhin etwas in die richtige Richtung und das ganze etwas beheben! Das ist zwar viel Zeit und Arbeit, aber gibt mir immerhin ein wenig Hoffnung und sorgt dafür, dass man wenigstens etwas von dem alten Körpergefühl wieder bekommt.

        Ich wünsche dir alles Gute und ein schönes und langes krebsfreies Leben liebe Carola! 🦁💪🏻👊🏻

        Alles Liebe
        Caro

  3. Liebe Caro, ein gelungener Beitrag. Ich habe auch häufig die Erfahrung gemacht, dass Freunde und Bekannte, die selbst nicht betroffen sind häufig nicht erfassen können, was eigentlich für ein riesen Rattenschwanz an dieser Diagnose hängt. Ich bin mit 29 Jahren erkrankt und wenn ich nach 2 Jahren „Krebsfreiheit“ zurück denke, kann ich manchmal selbst nicht glauben, was ich da alles hinter mich gebracht habe. Die Angst ist auch heute noch da und die Erinnerungen kleben mir wie ein alter Kaugummi unter der Schuhsohle. Aber es gibt auch eine wahnsinnig große Lebenslust und Freude. Ich überlege nicht mehr lang und mache das worauf ich Lust habe. Die Fitness kommt auch nach und nach wieder zurück und auch das Vertrauen in den eigenen Körper.

    Ich finde es mutig wie offen du mit dem Thema umgehst und hoffe auf viele weitere Beiträge von dir!

  4. Das Leben ist so wunderschön !!! Ich genieße es so sehr!
    Sagt mal ab wann rechnet man „krebsfrei“?! Ich hatte meine letzte Behandlung im März 2018. Gilt es ab dann? Coole und aufregend ist, dass ich für meine Mediensprecher Ausbildung 2 Seiten Text auswendig gelernt habe! Mein Hirn funktioniert wieder !!! Juhuhuhuuuuu!!!!! Als ich meine Ausbildung im Okt letztes Jahr begann, konnte ich mir keine 4 Zeilen merken!!!! Chemobrain verabschiedet sich …. endlich!! Daran hab ich sehr gelitten.
    Leider denken alle, ich seh aus wie das blühende Leben … aber vergessen dass ich innerlich immer wieder leide . So kurz vor den Arztterminen!
    Wenige verstehen meine Angst!

    Danke für deinen lieben Beitrag bzw deine Antwort!
    😘

  5. Liebe Caro, besser kann man es nicht beschreiben, wie Du es so emphatisch und klar in diesem Beitrag hast. Nichts ist mehr so, wie vorher! Je länger die Diagnose her ist und je besser man wieder “ funktioniert“, viele Mitmenschen geben einem das Gefühl, es ist alles wieder ok, hat sie ja super weggesteckt. Es hängt von der Tagesform ab, wie stark einem die Angst/Bedenken wieder im Griff haben. Eine postive und achtsame Einstellung ist echt hilfreich, erfordert aber eben auch Egoismus. Das ist legitim und kann man der Umwelt schon mal zumuten, wie ich finde. Die Diagnose relativiert vieles, man muss damit zukünftig leben, aber immer das Beste daraus machen! In diesem Sinne, alles Liebe und Gute für Dich!

  6. Ich habe ja auch nicht eine Freundin, die Krebs überlebt hat. Dies schaffen die stärksten. Alle haben aber danach nur das einzige gesagt – rechtzeitig sich selbst untersuchen lassen, zum Vorbeugen.

Ich freue mich über deine Meinung zum Thema!

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