Krebs und Kinderwunsch

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Krebs und Kinderwunsch – passt das eigentlich zusammen?

Heute saß ich bei meiner Frauenärztin für die klassischen Vorsorge-Untersuchungen. So wie es sich für Frauen in meinem Alter gehört, einmal Brust abtasten und einmal Abstrich machen lassen. Ganz normale Routineuntersuchung also. Doch wie es so oft bei den Ärzten ist, sitzt man für eine geraume Zeit in den Wartezimmern. Und genau da wurde mir wieder vor Augen geführt, dass bei mir nach meiner Krebsdiagnose eigentlich nichts mehr „normal“ ist. Insgesamt gingen 4 eindeutig schwangere Frauen aus dem Wartezimmer ein und aus. Welche zusammen mit ihrem Partner, welche allein, aber alle eindeutig freudestrahlend und überglücklich über ihre Schwangerschaft. Die jungen Frauen lächelten mich freudestrahlend an. Vielleicht weil sie sogar dachten ich sitze hier, weil ich auch schwanger bin und sozusagen eine „Gleichgesinnte“ wäre oder eben aber, weil sie ihr Glück einfach mit aller Welt teilen möchten. Vollkommen verständlich. Ich glaube, ich wäre nicht anders! Also lächelte ich leicht verschmitzt zurück. Genau das fiel mir bei der ersten Dame auch noch vollkommen leicht. Bei jeder neuen schwangeren Patientin, die hereinkam nahm genau dieses verschmitzte Lächeln bei mir allerdings wieder ab. Ich wurde mal wieder eiskalt zurück in die Realität zurückgeholt. Denn mir wurde mal wieder bewusst, dass ich genau diesen Moment vielleicht nie haben werde. Denn ich hatte Krebs! Und genau dieser hat mir vielleicht auch die Entscheidung abgenommen, ob ich jemals ein eigenes Kind haben werde oder nicht…

Kann ich eigentlich noch schwanger werden?

Und weil genau dieses Thema mich einfach nicht in Ruhe lässt und einfach nicht kaltlässt, muss ich all meine Gedanken und Gefühle einfach einmal niederschreiben. In der Hoffnung, dass ich mich im Anschluss befreiter fühle und zum anderen vielleicht anderen Frauen damit zeigen kann, dass diese nicht allein mit diesen Gedanken sind. Denn eigentlich dachte ich, ich stehe über den Dingen und dass es vollkommen okay für mich ist. Ich freue mich für diese schwangeren Frauen und ich freue mich für jede schwangere Freundin. Ich liebe Kinder und bin begeisterte Tante. Aber immer wieder hat die Konfrontation mit dem Thema Kinderwunsch und Schwangerschaft für mich einen negativen Beigeschmack. Da kommt auf einmal ein ganz ungutes Bauchgefühl hoch und gern probiere ich dieses Gefühl einfach zu unterdrücken. Selbstschutz! Aktuell ist das Thema Kinderwunsch bei mir, nämlich so gar nicht präsent. Ich fange gerade damit an mich selbst zu verwirklichen und die Dinge zu machen, die ganz tief in mir brodeln und ich habe gerade einfach noch viel zu viel vor. Aber eigentlich weiß ich auch, dass ich mich früher oder später diesem Thema stellen muss, naja und vielleicht auch möchte…

Denn kann ich überhaupt noch Kinder bekommen? Hinter mir liegen Chemotherapie und Bestrahlung und Maßnahmen wie das Einfrieren von Eizellen oder Eierstockgewebe wurden nicht vorgenommen, da dafür keine Zeit blieb. Aktuell befinde ich mich im Rahmen meiner Anti-Hormontherapie (siehe folgenden Blogbeitrag) in den Wechseljahren und das noch mindestens für 3 Jahre. Anschließend könnte ich wieder versuchen Kinder zu bekommen. Dann bin ich 35. Und nun ja was soll ich sagen. Ich mache mir eigentlich keine Sorgen, dass ich schwanger werden kann. Es gibt so viele tolle Erfolgsgeschichten, die ich mitbekommen habe oder die ihr immer wieder gern mit mir teilt. Geschichten, die einen einfach Mut machen und zeigen, dass der Kinderwunsch nach einer Therapie absolut nicht unmöglich ist.

Darf ich eigentlich schwanger werden?

Aber was ist eigentlich mit der moralischen Frage? Denn die Frage nach dem Kinderwunsch ist in meinem Fall nicht nur eine „Kann ich eigentlich noch Kinder kriegen?“, sondern auch eine „Sollte ich eigentlich Kinder kriegen oder lieber nicht?“. Jetzt werden vielleicht die ersten von euch stutzig und fragen sich was genau ich damit meine. Und genau hier sind wir wahrscheinlich an einem Thema angelangt wo die Meinungen auseinander gehen werden und wo es zu Diskussionen führt. Diskussionen, die mir schwerfallen und Diskussionen, die ich aktuell eher weniger über Social Media austragen möchte. Aber Gedanken und Gefühle die real sind und Gedanken und Gefühle, die der Krebs leider mit sich gebracht hat und die ich hier zum Ausdruck bringen möchte. Denn sollte eine Frau mit einer BRCA1-Genmutation überhaupt Kinder kriegen? Die Wahrscheinlichkeit, diese Mutation weiterzugeben liegt bei 50%. Treffen diese 50% ein und ist das Kind anschließend BRCA-Trägerin, dann liegt die Wahrscheinlichkeit für das Kind bei 80% an Brustkrebs zu erkranken und bei 40% an Eierstockkrebs zu erkranken. Und möchte ich meinem Kind das zumuten, durch das ich gehen musste? 80% sind verdammt viel und welche Mutter könnte damit leben zu wissen, dass sie „Mitschuld“ an der Erkrankung ihres Kindes sei?

BRCA1-Mutation + hormonrezeptorpositiv: der volle Jackpot!

Hat man also das BRCA1-Gen, wie ich, muss man sich also schon allein mit solchen Konfrontationen auseinandersetzen. Natürlich möchten wir hier aber optimistisch bleiben und gehen davon aus, dass die Krebsfrüherkennung in den nächsten Jahren enorme Fortschritte macht. So sind wir ja beispielsweise bereits so fortschrittlich und konnten genaue Genmutationen wie das BRCA1 oder BRCA2 analysieren. Aber wie ist es beispielsweise bei Frauen, die das BRCA1-Gen tragen und einen stark hormonrezeptorpositiven Tumor hatten? Voller Jackpot, oder? Denn auch, dass unser Hormonhaushalt bei immer mehr Frauen Brustkrebs begünstigen kann, wurde bereits gut erforscht. So entdecken immer mehr Frauen während oder nach ihrer Schwangerschaft einen Knoten in ihrer Brust. Die weiblichen Geschlechtshormone können den Wachstum von Brustkrebs nämlich anregen. Etwa 70 bis 80 % aller Brustkrebspatientinnen haben einen hormonrezeptorpositiven Tumor, jedoch in unterschiedlich stark ausgeprägter Form. Mein Brustkrebs war beispielsweise sehr stark hormonabhängig. So ist dies in der Therapie auf jeden Fall ein positives Zeichen gewesen, weil man wusste, wie man dagegen vorgehen konnte und Anti-Hormone verschreiben konnte. So wurde mein Hormonhaushalt und meine Östrogenproduktion einfach mal eiskalt deaktiviert. Hallo Wechseljahre! Und auch wenn die ganzen klassischen Nebenwirkungen der Wechseljahre manchmal echt nicht schön sind, bin ich vollkommen fein damit und nehme diese gern in Kauf. Denn ich fühle mich auf der sicheren Seite, weil ich weiß, dass ich potenziellen Krebszellen in mir so das Futter genommen habe.

Aber wie schaut das nach Ende der Anti-Hormontherapie aus, wenn der Hormonhaushalt sich wieder „normalisiert“? Die Studienlage zeigt, dass 5 Jahre Einnahme von Anti-Hormonen (in meinem Fall Tamoxifen) ausreichen um ein Rezidiv ausschließen zu können. In neuen Erkenntnissen und Studien ist mittlerweile sogar oft auch schon von 10 Jahren die Rede. Wie hoch wäre also die Wahrscheinlichkeit erneut an Brustkrebs zu erkranken, wenn ich nach 5 Jahre Tamoxifen-Einnahme probiere schwanger zu werden und so aktiv meinen Hormonhaushalt pushe? Eine Frage, die mir keiner beantworten kann und die mir wahrscheinlich auch nie jemand klar beantworten wird. Hierzu gibt es nämlich keine klare Studienlage. Denn welche Frau würde sich für solch eine Studie bereit erklären? Fakt ist, dass ich mein Wiedererkrankungsrisiko mit einer Schwangerschaft erhöhen würde. Zusätzlich zu den bereits bestehenden 40% an Eierstockkrebs zu erkranken (siehe oben). Und da kommen wir zur entscheidenden Frage: Müsstet ihr euch entscheiden zwischen eurer Gesundheit und eurem Kinderwunsch, wofür würdet ihr euch entscheiden? Würdet ihr eine Schwangerschaft riskieren? Und um drastischer zu werden: Könntet ihr damit Leben ein Kind auf die Welt zu bringen, welches vielleicht keine Mutter mehr haben würde? Ich weiß das sind harte Aussagen und ich weiß, dass ich mir hier mit solchen Aussagen garantiert keine Freunde machen werde und für Diskussionen sorgen werde. Aber am Ende sind dies genau die Themen, die mich immer wieder einholen. Themen, mit denen ich mich nicht auseinandersetzen möchte. Themen, mit denen ich mich aktuell aber auseinandersetzen muss, da ich Entscheidungen treffen muss. Wieso muss? Da feststeht, dass ich früher oder später meine Eierstöcke entfernen lassen muss, um den 40% Erkrankungsrisiko zu entkommen. Die aktuelle Empfehlung in meinem Fall lautet: mit allerspätestens 40 müssen sie raus, doch je früher desto besser und desto geringer das Wiedererkrankungsrisiko! Kommt also irgendwann dieser akute Kinderwunsch, habe ich dann überhaupt eine Chance? Kann ich noch schwanger werden? Sollte ich überhaupt schwanger werden? Und was ist mit weiteren Optionen? Auch eine Adoption wird mit zunehmenden Alter schwierig. Fragen über Fragen, aber die Entscheidung wird keine leichte, vor allem weil mich der Krebs immer wieder weiterverfolgt und genau vor solche Entscheidungen stellt…

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Kleiner Nachtrag: Ich bitte euch mir bezüglich dieses Themas keine privaten Nachrichten oder Mails zu schreiben. Wenn ich mich bezüglich dieses Themas austausche, dann mit meinem Partner, mit meinen Freunden oder meiner Familie. Dieser Beitrag ist vor allem dafür da, anderen Frauen zu zeigen, dass sie mit ihren Gedanken und Gefühlschaos vielleicht nicht allein sind. Habt ihr eine klare Meinung zu diesem Thema und möchtet euch äußern, dann hinterlasst doch bitte einen öffentlichen Kommentar, gern auch anonym, wenn es euch leichter fällt. Danke!

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Alles Liebe

caro_signatur

5 Kommentare zu „Krebs und Kinderwunsch

  1. Ich habe meinen Tumor zwei Jahre nach der Geburt meines Sohnes ertastet. Seit dem lebe ich mit der ständigen Angst das meine Jungs evtl. ohne Mama groß werden. Mein Papa ist verstorben als ich 5 war, ich weiß wie es ist wenn ein Elternteil verstirbt. Diese Angst wird mich nun wohl immer begleiten. Ich denke allerdings das es eben zum Leben dazugehört. Man weiß es nicht und man kann es zum Glück auch nicht beeinflussen.
    Ich kenne dich nicht persönlich aber ich glaube du hast einen tollen Freund der mit dir schon einiges gemeistert hat. Ihr werdet hier auch hier die richtige Entscheidung für euch finden! 💚

  2. Die eigene Gesundheit und auch in Hinblick auf die Weitergabe des Gens würde ich mich ganz klar dagegen entscheiden. Die eigene Gesundheit ist das wichtigste. Und manche Dinge sollte man nicht herausfordern. Ein kinderfreies glückliches Leben ist auch ganz wundervoll. Ganz liebe Grüße

  3. Liebe Caro
    Ich möchte dir ganz herzlich für deine Offenheit und Klarheit bedanken. Für mich bist du eine Inspiration und gerade auch zurzeit eine Hilfe, in der ich durch die Chemo gehe. Ich, 33, Brustkrebs, Östrogen positiv 100%, Progesteron positiv 80% und dann noch HER2 positiv 🙂 habe mich auch schon intensiv mit dieser Frage auseinandergesetzt. Allerdings war bei mir noch Zeit für eine Fertilitätabehandlung und der BRCA Test kam negativ raus. Somit hast du wirklich den Jackpot und dir einige Fragen mehr zu stellen. Umso mehr bewundernswert, was du alles aus deiner Situation herausholst. Wäre ich BRCA positiv, würde ich mich persönlich bei grossem Kinderwunsch trotzdem für Kinder entscheiden aus dem Grund, weil es engmaschige Früherkennungsprogramme gibt und es anders als bei gewissen Krankheiten nicht automatisch die Todesdiagnose bedeutet. Plus gibt es immer noch eine 50%tige Chance, dass du das Gen doch nicht vererbst. Von ganzem Herzen wünsche ich dir auf diesem Weg viel Kraft und innere Zuversicht.

  4. Es tut mir weh zu lesen, dass die Auseinandersetzung mit all diesen essentiellen und niederschmetternden Themen bei dir einfach nicht abreißt. Es ist unfair, dass du dir nun auch noch diese Frage stellen musst. Als Freundin die dich lieb hat spreche ich denke ich für alle Menschen die dir nahe stehen, dass deine Gesundheit definitiv vorgeht. Deine Zukunft, dein Leben, vor der Ungewissheit eines noch ungeborenen Lebens. Das das eine beschissene Situation ist, ist aber auch klar. Aber es gibt viele andere Wege ein erfülltes Leben zu haben – Kinder sind nicht alles! Vor allem vor dem Hintergrund, dass du so noch so unendlich viel erleben kannst. Mit einem geringeren Risiko und sicherlich dadurch auch weniger Angst.
    Dicken Kuss
    Nele

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